Helene Hartmann vermittelt seit zehn Jahren erfolgreich Arbeitsstellen. Die Sozialhilfeinitiative der JSVP sieht sie eher skeptisch.
Daniel Vizentini
Diesen Herbst hat der Grosse Rat die Initiative der JSVP «Arbeit muss sich lohnen» knapp mit 67 zu 64 Stimmen angenommen. Dies trotz Ablehnung seitens der Aargauer Regierung. Die Initiative werde ein «Flop», sagte zum Beispiel Regierungsrat Jean-Pierre Gallati (SVP). Kosten liessen sich kaum sparen und der administrative Aufwand werde enorm, die Integration von Sozialhilfebeziehenden in den Arbeitsmarkt dadurch nicht verbessert.
Die Initiative verlangt, dass Sozialhilfebeiträge nach zwei Jahren um mindestens fünf Prozent reduziert werden, mit einzelnen Ausnahmen. Die JSVP will damit die Anzahl Langzeitbeziehende im Kanton senken. Nächsten März könnte die Initiative an die Urne gelangen. Unterschiedliche Einschätzungen zeigen auch kantonale Sozialhilfestatistiken, dass die Quote seit 2018 kontinuierlich gesunken sei. Die Kantonsregierung sehen Experten der Initiative skeptisch entgegen. Denn Langzeitbeziehende kämen dadurch nicht schneller oder besser in den Arbeitsmarkt, sagt zum Beispiel Daniel Lüsch, Co-Präsident des Verbands Aargauer Gemeindesozialdienste. Nötig sei laut ihm eine verstärkte Integrationsförderung, insbesondere bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren. Denn wer länger als ein Jahr keine Stelle findet, für den falle die berufliche Integration im Rahmen der Sozialhilfe immer schwerer.
Gesellschaft identifiziert sich über den Job
Im Kanton gibt es auch private Firmen, die Arbeitsintegration als Dienstleistung anbieten. Zum Beispiel Hartmann Jobcoaching, die dieses Jahr das zehnjährige Bestehen feierte. Hinter dem Wettinger Unternehmen steht Gründerin Helene Hartmann. Ihr Erfahrungsrucksack in der Thematik ist gross: Bevor sie ihre Firma gründete, arbeitete sie als Personalberaterin im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum RAV, dann bei der IV Aargau als Eingliederungsberaterin und arbeitete schliesslich als Arbeitsmarktspezialistin in einem Beschäftigungsprogramm. Sie, die fast alle Ämter aus der Nähe kennengelernt habe, merkte damals, wie der Mensch oft zu wenig im Mittelpunkt stand, wie sie sagt. «Keinen Job zu haben, das ist das eine. Es hängen aber noch viele weitere Dinge damit zusammen.»
So fasste sie den Mut und machte sich 2015 als Einzelfirma selbständig. «Ich wollte einfach nachhaltig arbeiten», erzählt sie. «Wir sind eine Gesellschaft, die sich über den Job identifiziert. Diesen zu verlieren, macht die Menschen sehr viel. Sie ziehen sich zurück, fühlen sich nicht mehr als ein Teil der Gesellschaft, für viele ist das Selbstwertgefühl weg. Das kann wahnsinnig schnell gehen und jeden treffen.»
Ganzheitlich die Fälle zu betrachten, war also ihr Ziel. «Bei uns laufen alle Fäden zusammen, darauf können sich die Gemeinden verlassen.» Dreizehn Aargauer Gemeinden führen feste Jahresverträge mit Hartmann Jobcoaching, dazu das kantonale Migrationsamt. Sieben Angestellte beschäftigt Helene Hartmann inzwischen. «Wir sehen die Klienten jede Woche und arbeiten vor Ort auf der Gemeinde. Jeden Fall bearbeiten wir individuell, man macht uns aus. Jede Person hat ihre Geschichte. Der Austausch ist gut, die Verbindlichkeit gross. Dadurch, dass wir keine Sozialhilfe auszahlen und nichts mit Geld zu tun haben, ist unser Zugang mit den Klienten anders.»
KI könnte zum Problem werden
Es brauche jemanden, der bei den Klienten genau hinschaue und auch mal den Spiegel vorhalte. «Sie müssen mitarbeiten, sofern sie dazu in der Lage sind.» Es komme vor, dass Personen wegen zu grosser Unzuverlässigkeit, psychischen oder anderen Problemen nicht vermittelbar seien.
Die Erfolgsquote der Integration liege aktuell bei 44 Prozent, sagt sie. Wer einen Job ergattern konnte, bleibe auch langfristig. Auf die dreizehn Partnergemeinden flossen jährlich 1,2 Millionen Franken zurück. «Sie mussten weniger Sozialhilfe auszahlen.» Stufenweise habe man so zum Beispiel 2019 130’000 Franken an Sozialhilfe eingespart, sagte die Gemeinde damals.
In den nun fast 30 Jahren, in denen Helene Hartmann mit Arbeitsintegration zu tun hat, konnte sie einige Änderungen beobachten. «Vor vielleicht noch zehn Jahren war es so, dass noch mehr Personen die eine soziale Unterstützung gebraucht haben. Heute ist es umgekehrt.» Der Leistungsdruck sei gestiegen, heute seien mehr Personen psychisch am Anschlag als früher. Zudem seien viele Arbeitgeber zurückhaltender bei der Anstellung. «Ein KV-Abgänger hat heute noch mehr Mühe, eine Lehrstelle zu finden.» Wegen Einführung von Künstlicher Intelligenz erwartet sie, dass es in den Bereichen IT oder Bankgewerbe in den nächsten Jahren weniger Stellen geben wird.
Gleichzeitig erhielten zu viele junge Menschen schon früh IV. «Das finde ich heikel. Da bräuchte es klare Tagesstrukturen, sonst gelinge ein späterer Wiedereinstieg ins Berufsleben kaum. Diese Personen landen dann bei der Sozialhilfe.» Gerade junge Menschen mit IV müssten mindestens zu 50 Prozent im sogenannten zweiten Arbeitsmarkt, zum Beispiel in Topfereien oder in der Stiftung Orte zum Leben, arbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Sie ist eher gegen die Initiative
Trotzdem: In Bezug auf die Initiative der JSVP sehe sie hin- und hergerissen und tendiere eher auf ein Nein. «Einerseits finde ich schon: Es gibt Leute, die es sich in der Sozialhilfe bequem machen.» Viele Familien, teilweise aus dem Ausland, beziehen seit Jahren IV und hätten keinen Anreiz, sich zu integrieren. «Denn das Geld kommt ja», wie sie sagt.
Andererseits aber stellt sie klar: Der grösste Teil der Sozialhilfebeziehenden sind Kinder und alleinerziehende Mütter. «Frauen, die nicht arbeiten können, weil die Kitas dann zum Beispiel gar nicht geöffnet haben, werden bestraft. Das finde ich nicht in Ordnung.» Auch gebe es Sozialhilfebeziehende, die durch alle Maschen fallen, von der IV abgewiesen wurden, trotzdem aber aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten können. Sie nennt auch den Fall eines Mannes, der eine missglückte Beinoperation hatte. «Niemand wollte Verantwortung übernehmen. Er kann kaum laufen und dennoch im zweiten Arbeitsmarkt tätig. Es wäre völlig unfair, ihm die Sozialhilfe zu kürzen.» Sie sagt deshalb: Wenn man die Initiative durchbringen wolle, müsste man die Fälle klar definieren.
Bild: Alphafoto/zvg
Quelle: Aargauer Zeitung vom 15. Dezember 2025